Gold glänzt – und niemand lacht mehr
12.03.2026Es gab einmal eine Zeit, da galt Gold als Hobby für Sonderlinge. Für Menschen mit leichtem Hang zum Weltuntergang, Keller voller Konservendosen und der festen Überzeugung, dass das Papiergeldsystem eines Tages zusammenklappen könnte wie ein Campingstuhl im Sturm. Damals kostete eine Unze Gold 300 oder 400 Euro. Wer es kaufte, wurde freundlich belächelt. So wie der Nachbar, der seinen Garten mit Alufolie auslegt, um mit Außerirdischen zu kommunizieren.
Heute kostet ein einziges Gramm Gold rund 140 Euro, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Die Unze kratzt mit 4.500 Euro an Höhen, die früher nur in Science-Fiction-Romanen vorkamen. Und plötzlich ist es erstaunlich still geworden. Die Spötter von damals sind leiser. Manche haben sogar heimlich die Seiten gewechselt. Aus den früheren Goldverächtern sind plötzlich „Sachwertstrategen“ geworden. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Vegetarier, der heimlich im Keller Bratwürste grillt.
Die Experten entdecken plötzlich das Offensichtliche
Natürlich melden sich jetzt auch wieder die Experten. Sie schrauben ihre Prognosen nach oben. Wie immer übrigens erst dann, wenn der Preis bereits gestiegen ist. Das ist ein bewährtes Geschäftsmodell: Man schaut auf den Chart, stellt fest, dass er nach oben zeigt, und verkündet anschließend mit ernster Miene: „Gold hat Potenzial.“ Das erinnert ein wenig an den Wetterbericht. Wenn es draußen bereits regnet, prognostiziert der Meteorologe mutig Niederschläge. Die Finanzwelt funktioniert ähnlich. Sobald ein Trend sichtbar ist, wird er zur Prognose erhoben und anschließend als Analyse verkauft.
Wenn Gold steigt, stimmt meist etwas nicht
Eigentlich müsste man lachen. Wer Gold vor Jahren gekauft hat, hat heute ordentlich gewonnen. Doch irgendwie bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Denn Gold steigt selten, weil alles so wunderbar läuft. Es steigt, wenn das Vertrauen schwindet. Vertrauen in Währungen, in Staatsfinanzen, in die Stabilität der Welt. Und davon gibt es derzeit reichlich Anlass.
Die Zentralbanken drucken Geld, als müssten sie einen akuten Papiermangel beheben. Gleichzeitig knirscht es geopolitisch an allen Ecken. Ukraine, Iran, die ewigen verbalen Gefechte zwischen China und den USA – die Welt wirkt derzeit ungefähr so stabil wie damals die Ampelregierung.
Und dann wäre da noch die Inflation. Der höfliche Begriff für einen sehr unhöflichen Vorgang: Ihr Geld wird heimlich weniger wert. Schauen Sie sich nur die Rohstoffmärkte an. Öl, Kupfer, Aluminium, Blei – alles teurer. Und Lebensmittel ziehen ebenfalls an. Das merkt man nicht im Wirtschaftsteil der Zeitung, sondern im Supermarkt. Dort, wo der Einkaufswagen plötzlich aussieht wie früher – nur halb voll. Je schneller die Preise steigen, desto schneller verdampft auch die Kaufkraft auf Sparbüchern, Tagesgeldkonten oder anderen angeblich „sicheren“ Anlagen. Sicher sind sie tatsächlich. Sicher darin, dass sie langsam an Wert verlieren.
Abschied vom alten Anlageglauben
Lange galt das sogenannte 60-40-Portfolio als Heiliger Gral der Geldanlage. 60 Prozent Aktien, 40 Prozent Anleihen. Solide, stabil, vertrauenswürdig. Früher jedenfalls. Heute bestehen diese 40 Prozent aus Papieren, deren Rückzahlung oft nur dadurch gelingt, dass neue Papiere ausgegeben werden. Schulden werden mit neuen Schulden bezahlt – eine Finanzakrobatik, über die selbst Zirkusartisten staunen. Das geht so lange gut, bis es schiefgeht. Im Zirkus braucht man ein Netz, in Sachen Finanzen Gold.
Kein Wunder also, dass immer mehr Investoren anfangen, die Anleihen gegen Rohstoffe zu tauschen. Gold, Silber, Kupfer – Dinge, die wie Rohstoffe nicht gedruckt werden können. Gold ist deshalb nicht nur ein glänzendes Metall. Es ist vor allem ein Misstrauensvotum. Ein Misstrauensvotum gegen Papiergeld, gegen Schuldenberge und gegen ein Finanzsystem, das immer mehr verspricht und immer weniger liefern kann. Dass Gold steigt, ist daher weniger Grund zur Freude als ein Warnsignal. Oder anders gesagt: Wenn der Goldpreis glänzt, hat die Welt meist irgendwo ein Problem. Und momentan sieht es so aus, als hätte sie gleich mehrere.
