Sommerloch mit Goldrand
Frank Meyer
Finanzjournalist
Kaum beginnt der Sommer, da ist es auch schon da: das berühmte Sommerloch. Diesmal hat es gleich die Edelmetallpreise mit verschluckt.
Gold, Silber, Platin und Palladium sind deutlich zurückgekommen – und das ausgerechnet in einer Welt, die nun wirklich nicht arm an Krisen ist.
Iran-Konflikt, geopolitische Spannungen, Rekordschulden, politische Unsicherheit. Früher hätte das gereicht, um Gold in den Himmel zu schießen. Heute nicht. Das überrascht zunächst, schließlich gilt Gold als Krisenmetall schlechthin.
Doch die Börse hält sich selten an Lehrbücher. Wenn Aktien fallen oder Anleger nervös werden, wird Liquidität gebraucht. Dann wird verkauft, was sich verkaufen lässt – auch Gold. So war es in früheren Krisen, und so könnte es auch diesmal sein.
Dabei haben sich viele Anleger genau das gewünscht: niedrigere Preise. Als Gold und Silber von einem Hoch zum nächsten eilten, war häufig zu lesen, man wolle „auf die nächste Korrektur warten“. Nun ist sie da. Natürlich kennt niemand das Tief. Vielleicht dauert die Schwächephase noch Wochen oder sogar bis in den Herbst. Statistisch betrachtet gehören die Sommermonate ohnehin zu den schwächeren Zeiten für Edelmetalle.
Auffällig ist vor allem die Stimmung. Vor wenigen Monaten überschlugen sich noch die Prognosen. In manchen Internetforen wurde Gold bereits auf Mondflug geschickt. Heute herrscht bemerkenswerte Ruhe. Die lautesten Kurspropheten scheinen sich in den Sommerurlaub verabschiedet zu haben. Das ist oft kein schlechtes Zeichen. Große Wendepunkte entstehen selten in Zeiten allgemeiner Euphorie. Sie entstehen eher dann, wenn Langeweile, Zweifel und schlechte Laune die Oberhand gewinnen.
An den fundamentalen Rahmenbedingungen hat sich dagegen wenig geändert. Die Staaten verschulden sich weiter, die Zentralbanken schaffen weiterhin Geld aus dem Nichts, und die Kaufkraft vieler Währungen schmilzt Jahr für Jahr dahin. Die Zahlen auf den Konten werden größer, doch die Menge dessen, was man dafür kaufen kann, wächst nicht im gleichen Tempo.
Bill Bonner formuliert es gerne so: Papiergeld funktioniert erstaunlich lange – bis es plötzlich nicht mehr funktioniert. Die Geschichte kennt zahlreiche Währungen, die kamen und gingen. Gold dagegen hat Kriege, Revolutionen, Staatsbankrotte und politische Moden überstanden. Nicht weil es glänzt, sondern weil es sich nicht beliebig vermehren lässt.
Besonders interessant bleibt Silber. Das weiße Metall hat in den vergangenen Monaten deutlich nachgegeben. Viele Anleger, die sich zu Jahresbeginn günstigere Kurse gewünscht hatten, bekommen nun genau das, was sie bestellt haben. Wie so oft an der Börse stellt sich anschließend heraus, dass Wünsche angenehmer sind als ihre Erfüllung. Dabei hat sich am Silbermarkt selbst wenig verändert. Die industrielle Nachfrage bleibt hoch, gleichzeitig ist das Angebot begrenzt. Seit Jahren wird weltweit mehr Silber verbraucht als neu gefördert. Das Defizit wächst weiter und hat inzwischen Größenordnungen erreicht, die sich nicht dauerhaft ignorieren lassen.
Auch Platin und Palladium haben kräftig Federn gelassen. Für Käufer sind das zunächst gute Nachrichten. Wer langfristig denkt und einen Teil seines Vermögens außerhalb des Papiergeldsystems parken möchte, findet heute deutlich attraktivere Preise als noch vor einigen Monaten. Natürlich kann es kurzfristig noch weiter nach unten gehen. Märkte sind Meister darin, Geduld zu bestrafen und Überzeugungen auf die Probe zu stellen. Doch wer auf den perfekten Einstiegszeitpunkt wartet, wartet meist länger als geplant.
So bleibt das Sommerloch das, was es immer war: eine Zeit der Geduldsproben. Die Schreihälse schweigen, die Schlagzeilen werden kleiner und die Kurse oft auch. Doch manchmal entstehen genau dann die besten Gelegenheiten. Nicht wenn alle kaufen wollen, sondern wenn die meisten lieber an den Badesee fahren.
Und falls Gold und Silber tatsächlich noch etwas günstiger werden sollten? Dann wäre das vermutlich genau die Entwicklung, über die sich viele Anleger heute beschweren – und die sie sich vor wenigen Monaten noch sehnlichst gewünscht haben.