Gold kennt den wahren Chef
Frank Meyer
Finanzjournalist
Wir leihen uns nichts von der Zukunft. Wir bestehlen sie. Wir geben Geld aus, das wir nicht verdient haben und vermutlich niemals verdienen werden. Das nennt man nicht Schwindel, sondern Finanzpolitik. Der Unterschied liegt hauptsächlich in der Größe des Büros.
Die großen Schuldner werden ihre Schulden nicht wirklich zurückzahlen. Sie werden sie verlängern, umschichten und irgendwann mit Geld bedienen, das weniger wert ist als jenes, das sie sich einst geliehen haben. Formal ist damit alles bezahlt. Nur der Gläubiger schaut etwas enttäuscht aus der Wäsche.
Das ist das Geheimnis unseres modernen Geldes. Es entsteht aus dem Nichts und geht irgendwann wieder dorthin. Papiergeld ist eine clevere Erfindung mit eingebautem Todeszeitpunkt. Man sollte stets genügend davon besitzen – und zugleich wissen, wann es Zeit wird, seiner Entwertung von der Schippe zu springen.
Geld aus dem Computer
Noch cleverer sind digitale Verrechnungseinheiten. Man muss sie nicht einmal drucken. Sie entstehen auf einem Computer, werden verliehen, von A nach B verschoben und mitunter für groben Unfug verwendet. Ganze Vermögen lassen sich so erschaffen, ohne dass je ein Geldschein das Licht der Welt erblickt.
Auch Kriege werden damit finanziert. Ohne sogenanntes Fiatgeld wären viele von ihnen schlicht unbezahlbar. Staaten müssten ihre Bürger vorher um das nötige Geld bitten, statt die Rechnung später über Schulden und Inflation einzutreiben. Heute bestellt die Politik die Panzer. Bezahlt wird später – von Menschen, die bei der Bestellung noch nicht geboren waren. Die Welt wäre ohne Fiatgeld vermutlich nicht vollkommen friedlich. Aber Krieg wäre wenigstens wieder das, was er tatsächlich ist: verdammt teuer.
Gold ist das Gegenstück zu diesem System. Es lässt sich weder herbeitippen noch politisch vermehren. Man kann es fördern, kaufen, verkaufen oder beschlagnahmen. Erfinden kann man es nicht. Genau deshalb begegnen Regierungen dem Gold mit einem gewissen Misstrauen – und Notenbanken mit wachsender Zuneigung. Denn Papiergeld lebt vom Vertrauen. Gold lebt davon, dass dieses Vertrauen irgendwann nachlässt.
Das Geld geht auf leisen Sohlen
Die Loslösung des Geldes vom Gold hat dessen Preis über Jahrzehnte befeuert. Nicht unbedingt, weil Gold immer wertvoller geworden wäre. Vielmehr sind Dollar, Euro und Yen immer weniger wert geworden. Die Zahlen auf Geldscheinen und Kontoauszügen bleiben unverändert. Hundert bleibt hundert.
Nur das, was man dafür bekommt, wird weniger. Betrachtet man die Kaufkraft über einen langen Zeitraum, befinden sich Papierwährungen auf einem ziemlich zuverlässigen Weg in den Hades. Sie gehen ihn nicht mit einem großen Knall, sondern auf leisen Sohlen. Jahr für Jahr verschwindet ein Teil ihres Wertes. Das Geld stirbt langsam, höflich und statistisch begleitet.
Auf kurze Sicht bietet Gold dennoch reichlich Gelegenheit für Spektakel. Zu Beginn des Jahres überschlugen sich die Analysten mit Kurszielen jenseits von 5.000 Dollar je Feinunze. Viele mussten ihre Prognosen wieder einmal der Wirklichkeit anpassen, nachdem sich die Wirklichkeit hartnäckig geweigert hatte, den Prognosen zu folgen. Kaum fiel der Preis in Richtung 4.000 Dollar, begann der Abgesang. Eben noch war Gold alternativlos, kurz darauf plötzlich uninvestierbar. Analysten sind ein wenig wie Scheibenwischer: Sie wechseln zuverlässig die Richtung, sobald der Kurs am äußersten Punkt angekommen ist.
Wer täglich erklären will, warum Gold gerade steigt oder fällt, produziert zwangsläufig viele Meinungen und erstaunlich wenig Wissen. Der gesunde Menschenverstand sagt immerhin: Eine Welt, deren Schulden schneller wachsen als ihre Wirtschaftsleistung, wird irgendwann Schwierigkeiten bekommen.
Schließlich steigt nicht nur Gold gegenüber dem Geld. Auch Aktien und Immobilien werden in Euro, Dollar und Yen langfristig teurer. Nicht nur, weil Unternehmen wertvoller oder Häuser größer würden, sondern auch, weil immer mehr Geld und Kredit geschaffen werden. Das zusätzliche Geld sucht sich seine Wege. Ein Teil fließt in den Konsum, ein anderer in Aktien, Immobilien und Edelmetalle. Das eine nennt man Inflation, das andere Vermögenszuwachs. „Vermögenszuwachs“ klingt angenehmer und macht sich auf dem Depotauszug besser.
Das Leben wird teurer und das Geld entsprechend billiger. Rechnet man Preise dagegen in Gold, lässt sich mit einer vergleichbaren Menge des Metalls über lange Zeiträume häufig auch eine vergleichbare Menge an Waren erwerben. Die Zahlen verändern sich, die Kaufkraft bleibt erstaunlich stabil. Die kurzfristigen Bewegungen sind vor allem Spektakel. Aber der Mensch braucht schließlich auch Unterhaltung: Spannung, Spiel und Schokolade.
Silber liefert das größere Theater
Wem Gold dafür nicht genügt, dem bietet seine kleinere und nervösere Schwester noch mehr Unterhaltung: Silber. Zu Jahresbeginn überschlugen sich die Analysten mit Kurszielen im dreistelligen Bereich. Kaum eine Prognose schien zu kühn, solange der Preis nur schnell genug stieg.
Dann brach die Notierung auf etwa die Hälfte ein. Und was geschah währenddessen mit einer Unze Silber? Nichts. Sie blieb eine Unze Silber. Für dieselbe Menge Geld bekommt man heute zwar doppelt so viel davon wie am Hoch – aber nur noch rund ein Fünftel dessen, was man vor einigen Jahren dafür erhalten hätte.
Natürlich erklangen auch diesmal die lautesten Abgesänge ziemlich genau an den Tiefpunkten. So funktioniert das Geschäft: Am Hoch wird die Zukunft versilbert, am Tief das Ende ausgerufen. Dazwischen werden kostenpflichtige Börsenbriefe verschickt. Nur das Metall liegt unbeeindruckt da. Es kennt weder seinen aktuellen Kurs noch das nächste Kursziel. Vermutlich lebt es deshalb ruhiger als seine Besitzer.
Keine Zauberei
Das Angenehme an Edelmetallen ist ihre Unbestechlichkeit. Sie sind fungibel und dauerhaft. Eine Unze bleibt eine Unze. Sie braucht keinen Vorstand, keinen Geschäftsbericht und keine überzeugende Geschichte für die nächste Hauptversammlung.
Natürlich sind Edelmetalle keine Zauberei. Sie zahlen keine Zinsen, erwirtschaften keine Gewinne und können ihren Besitzern über Jahre einiges an Geduld abverlangen. Besonders Silber ist in der Lage, innerhalb weniger Monate Vermögen und Nerven gleichzeitig zu halbieren.
Gold und Silber sind deshalb kein Ersatz für Unternehmen, Immobilien oder Liquidität. Sie erfüllen eine andere Aufgabe: Sie sind Vermögen ohne das Zahlungsversprechen eines anderen. Sie können nicht pleitegehen, verlangen keine Reparaturen und benötigen keinen staatlichen Rettungsplan. Ihr Preis schwankt, aber ihre Existenz steht nicht zur Debatte.
Präsidenten, Notenbankchefs und Währungen kommen und gehen. Gold und Silber bleiben und führen schweigend Buch. Sie versprechen keinen schnellen Reichtum. Sie erinnern lediglich daran, dass Papiergeld auf Vertrauen beruht – und Vertrauen keine unbegrenzt verfügbare Ressource ist.
Gold kennt den wahren Chef: die Mathematik.