Warum wir Gold immer zum falschen Zeitpunkt kaufen
Frank Meyer
Finanzjournalist
Gold ist ein merkwürdiges Investment. Silber erst recht. Die meisten Menschen wollen beides unbedingt besitzen – allerdings nur dann, wenn es gerade teuer ist.
Steigt der Goldpreis auf neue Rekorde oder schießt Silber innerhalb weniger Wochen nach oben, erscheinen überall Experten, die erklären, warum es diesmal erst richtig losgeht. Dann werden Goldmünzen knapp, Silberbarren ausverkauft und plötzlich interessiert sich sogar der Nachbar für Krügerrand und Maple Leaf.
Fällt Gold dagegen um 20 oder 30 Prozent oder verliert Silber einen großen Teil seines Wertes, wird aus dem angeblich sicheren Hafen schlagartig ein sinkendes Schiff. Dann ist Gold plötzlich „tot“, Silber ohnehin nur noch ein Industriemetall und beides soll angeblich nie eine gute Idee gewesen sein.
Silber liefert gerade das perfekte Lehrstück. Als der Preis bis auf rund 120 Dollar stieg, überschlugen sich die Prognosen. 500 Dollar (mindestens!) waren nur noch eine Frage der Zeit. In Börsenforen und sozialen Netzwerken jagte eine noch kühnere Vorhersage die nächste. Heute notiert Silber bei unter 60 Dollar – der Preis hat sich also mehr als halbiert. Plötzlich sind dieselben Menschen überzeugt, dass Silber noch viel tiefer fallen müsse. Bemerkenswert ist nicht der Preis. Bemerkenswert ist, wie schnell sich die menschliche Überzeugung mit dem Kurs bewegt.
Dabei müsste es genau umgekehrt sein. Niemand käme auf die Idee, sich über einen Sommerschlussverkauf im Möbelhaus zu ärgern. Wer ein Auto kaufen möchte, freut sich über Rabatt. Nur an der Börse scheint ein Preisnachlass ein Warnsignal zu sein. Je billiger Gold oder Silber werden, desto größer wird die Angst. Je höher die Kurse steigen, desto größer wird die Gier. Der Mensch kauft deshalb nicht den Wert – er kauft das Gefühl.
Die Verhaltensökonomie kennt dieses Muster seit Jahrzehnten. Verlustangst schmerzt deutlich stärker als Freude über einen Gewinn. Hinzu kommt der Herdentrieb. Wenn alle verkaufen, muss es doch einen Grund geben. Also verkauft man ebenfalls. Genau in diesen Momenten steigen häufig professionelle Investoren ein. Nicht weil sie schlauer sind, sondern weil sie versuchen, ihre Gefühle vom Kaufknopf fernzuhalten.
Das gilt nicht nur für Gold und Silber. Es gilt für Aktien, Immobilien und sogar Kryptowährungen. Die Börse ist letztlich ein riesiger Stimmungsmesser. Kurse entstehen nicht allein aus Fundamentaldaten, sondern aus Hoffnungen, Ängsten und Übertreibungen.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob Gold morgen bei 3.500 oder 5.600 Dollar steht oder Silber auf 40 oder 80 Dollar steigt. Entscheidend ist, wie man selbst reagiert, wenn Gold oder Silber plötzlich 30 oder 50 Prozent verlieren. Wer dann nervös verkauft, hat kein Gold- oder Silberproblem. Er hat ein Psychologieproblem.
Vielleicht liegt darin das größte Geheimnis erfolgreicher Anleger: Sie versuchen nicht, den Markt zu beherrschen. Sie versuchen, sich selbst zu beherrschen. Und das ist bekanntlich die schwierigste Form des Investierens.