Vertrauen ist gut. Gold ist besser.
Frank Meyer
Finanzjournalist
Wem trauen Sie eigentlich noch? Der Politik? Den Notenbanken? Dem Euro? Dem Dollar? Oder doch lieber einem Metall, das seit ein paar tausend Jahren schweigt und trotzdem erstaunlich viele Freunde hat? Gold hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Noch bemerkenswerter ist allerdings, wer da mitkauft. Es sind längst nicht nur Anleger, die angesichts von Kriegen, Staatsschulden und Inflation ein paar Münzen in den Tresor legen. Es sind die Notenbanken selbst.
Die Käufer im Keller
Im zweiten Quartal kauften die Zentralbanken netto 289 Tonnen Gold. Und 89 Prozent der vom World Gold Council befragten Notenbanker erwarten, dass die weltweiten Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten weiter steigen. 45 Prozent rechnen sogar damit, die eigenen Bestände aufzustocken.
Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen. Die Institutionen, die unser Papiergeld herausgeben und seine Stabilität bewachen sollen, kaufen ein Metall, das man weder drucken noch per Mausklick vermehren kann. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Notenbanken ihrem eigenen Geld nicht mehr trauen. Aber offenbar trauen sie ihm auch nicht bedingungslos. Gold ist die Versicherung für den Fall, dass bei all den anderen Versicherungen irgendwann das Kleingedruckte interessant wird.
Geld braucht Vertrauen
Denn Geld besteht heute vor allem aus Vertrauen. Ein 100-Euro-Schein kostet in der Herstellung keine 100 Euro. Sein Wert entsteht dadurch, dass wir uns darauf verständigt haben, ihn morgen noch gegen etwas Brauchbares eintauschen zu können.
Bei Gold funktioniert das etwas anders. Gold verspricht nichts. Es zahlt keine Zinsen, hält keine Pressekonferenzen und stellt keinen Nachtragshaushalt auf. Es kennt keine Schuldenbremse und braucht kein Sondervermögen. Es liegt einfach herum. Gerade darin liegt offenbar sein Reiz. Staatsschulden steigen. Regierungen brauchen Geld, meistens mehr davon, als gerade vorhanden ist. Notenbanken sollen gleichzeitig Inflation bekämpfen, Finanzmärkte stabilisieren, Banken im Zweifel retten und möglichst verhindern, dass hoch verschuldete Staaten unter ihren Zinskosten zusammenbrechen. Gold hat es einfacher. Eine Unze bleibt eine Unze.
Goldgräber mit Taschenrechner
Und dann gibt es noch die Minengesellschaften. Adam Hamilton vom Analysehaus Zeal wertet seit 41 Quartalen die Unternehmen im GDXJ aus. Im zweiten Quartal stiegen deren Umsätze gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent auf 13,4 Milliarden Dollar. Die Gewinne legten sogar um 59 Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar zu, der operative Cashflow um 36 Prozent auf 6,2 Milliarden. Der Grund ist simpel: Der Goldpreis stieg deutlich schneller als die Förderkosten. Hamilton errechnet daraus implizite Gewinne von 3.214 Dollar je geförderter Unze – 68 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das sind keine Goldträume. Das sind Bilanzen.
Teures Gold, billige Minen
Das Kuriose daran: Die Aktienkurse hielten mit dieser Gewinnexplosion nicht Schritt. Im zweiten Quartal fiel der GDXJ um 18 Prozent. Dadurch sank das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der 25 größten von Hamilton untersuchten GDXJ-Werte auf rund 16 – den niedrigsten Stand seiner 41 Quartale umfassenden Datenreihe. Das ist die Absurdität dieses Goldbooms: Das Metall ist teuer. Die Unternehmen, die es aus der Erde holen und dabei prächtig verdienen, sind es gemessen an ihren Gewinnen teilweise nicht.
Natürlich bleiben Minen etwas anderes als Gold. Eine Mine kann streiken. Kosten können steigen. Regierungen können Steuern erhöhen. Manager können Unternehmen kaufen, was sie besser lassen sollten. Gold selbst kennt kein Management. Eine Goldmine leider schon.
Silber im Blaumann
Und dann wäre da noch Silber. Der nervösere Bruder des Goldes. Silber hat allerdings einen Vorteil: Es besitzt einen richtigen Beruf. Es wird in Elektronik, Autos, Stromnetzen, Rechenzentren und zahlreichen Hightech-Anwendungen gebraucht. KI braucht eben nicht nur Chips und gewaltige Mengen Strom, sondern auch Metalle, die diesen Strom möglichst gut leiten. Silber ist Gold im Blaumann.
Der Silver Institute erwartet für 2026 bereits das sechste Jahr in Folge, in dem die weltweite Nachfrage das Angebot übersteigt. Das Defizit soll rund 46 Millionen Unzen erreichen. Die Minenproduktion dürfte gleichzeitig kaum wachsen. Zwar sparen vor allem Solarhersteller wegen der hohen Preise zunehmend Silber ein. Dafür bleibt die Nachfrage aus Elektronik, Fahrzeugen, Stromnetzen und KI-Infrastruktur bedeutend. Damit hat Silber zwei Gesichter. Es ist Edelmetall und Industriemetall zugleich. Wenn das Misstrauen gegenüber Papiergeld steigt, profitiert es vom Gold. Wenn die Weltwirtschaft brummt, profitiert es von der Industrie. Wenn beides gleichzeitig passiert, wird es interessant. Wenn beides gleichzeitig schiefgeht, übrigens auch.
Wem trauen Sie?
Vielleicht erzählen uns die hohen Edelmetallpreise deshalb weniger über Gold und Silber als über unser Geld. Wir vertrauen darauf, dass Staaten ihre Schulden bedienen. Dass Notenbanken die Inflation im Griff behalten. Dass Währungen ihren Wert behalten. Und dass Politiker mit immer größeren Schuldenbergen irgendwann etwas anderes anfangen als noch größere Schuldenberge.
Man kann das glauben. Die Notenbanken kaufen derweil Gold. Die Minengesellschaften schreiben Rekordgewinne. Und Silber wird zum sechsten Mal hintereinander knapper, als es eigentlich sein dürfte. Wer der Politik vertraut, kann Geld halten. Wer ihr nicht ganz traut, hält Gold. Und wer darauf wetten möchte, dass auch andere irgendwann misstrauisch werden, schaut sich die Minen an.
Für Silber braucht man zusätzlich gute Nerven.