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Gold glänzt, wenn die Schulden wachsen

Frank Meyer

Finanzjournalist

09.10.2026· 5 Min. Lesezeit

Gold und Silber machen derzeit recht wenig Schlagzeilen. Gut so! Ihre Preise suchen noch immer nach einem Boden. Dieser könnte bei Gold bei der 4.000-er US-Dollar-Marke sein, bei Silber um die 53 US-Dollar. Wenn es nicht anders kommt. Die überraschende Nachricht kommt diesmal aus dem Boden selbst: Bei Wesseling südlich von Köln haben Archäologen 934 römische Silbermünzen gefunden. Erstaunlich ist nicht, dass die Römer einmal dort waren. Erstaunlich ist, was sie dagelassen haben: Silbermünzen – aber kein Bargeld.

Natürlich waren Denare auch Bargeld. Gemeint ist das Papiergeld, an das wir heute denken. Das hätte 1.900 Jahre im Erdreich kaum überstanden und wäre heute nichts mehr wert. Das Silber schon. Gold übrigens auch. Unsere Geldscheine wären längst Kompost, bevor jemand auf die Idee käme, sie zu recyceln. Manchmal erledigt die Archäologie die Geldkritik gleich mit. 

Gold ohne Kupon

Die Frage dahinter ist älter als jede Zentralbank: Was ist Geld – ein Versprechen auf Papier oder ein Sachwert, den man anfassen kann? Gold zahlt keine Zinsen. Bei mehr als fünf Prozent Rendite für zehnjährige US-Anleihen wirkt es wie ungeselliger Mitbewohner: Es liegt herum und trägt nichts zum Haushalt bei. Aber ist noch da, wenn alle weg sind.

Trotzdem kaufen Notenbanken weiter. China hat seine Goldbestände im September den 23. Monat in Folge aufgestockt, um rund 23 Tonnen. Auch private Anleger in China greifen verstärkt zu Barren und Münzen. 2025 überstiegen dort die Käufe von Anlagegold erstmals den Schmuckkauf. Bei niedrigen Sparzinsen und wackligen Alternativen braucht Peking offenbar keine große Kaufkampagne: Der Markt erledigt die Werbung.

Kurzfristig steht Gold dennoch etwas unter Druck. Steigende Renditen machen die Anleihen attraktiver, ein starker Dollar verteuert das Metall für Käufer außerhalb der USA. Anfang Oktober kletterte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf rund 5,3 Prozent. Dahinter stehen unter anderem wachsende Schulden, Inflationssorgen und die Aussicht auf weitere Zinsschritte. Gold fiel zeitweise auf ein Zweimonatstief und kostete neulich rund 4.100 Dollar je Unze. Ein guter Grund für Gold ist eben noch kein Garant für einen guten Monat. Goldanleger denken gern in Jahren; der Markt rechnet täglich – und ist dabei ungefähr so geduldig wie ein Börsenhändler vor dem Mittagessen.

Entscheidend ist, warum die Zinsen steigen. Wachsen Wirtschaft und Kaufkraft, sind höhere Renditen eine echte Konkurrenz. Müssen Staaten immer mehr bieten, weil Schulden und Inflationsrisiken wachsen, steckt im Zins auch ein Risikozuschlag. In Europa liefert die Inflation Stoff für diese Debatte: Sie stieg im September nach vorläufiger Schätzung auf 3,8 Prozent, nach 3,2 Prozent im August. Die EZB rechnet im Basisszenario für 2026 mit drei Prozent. Das klingt nach Beruhigung – solange Energiepreise und geopolitische Spannungen sich an die Prognose halten. Märkte sind allerdings selten für ihre Planbarkeit bekannt.

Auch Deutschland marschiert in Richtung höherer Schulden. Laut einer internen Aufstellung des Finanzministeriums soll bis 2030 mehr als ein Viertel des Bundeshaushalts kreditfinanziert sein. Die Zins-Steuerquote könnte auf 18,4 Prozent steigen. Fast jeder fünfte Euro an Steuereinnahmen wäre dann für Zinsen reserviert. Der Staat nennt das Finanzierung. Der Steuerzahler könnte es eine ziemlich teure Dauerüberweisung nennen – mit dem kleinen Unterschied, dass man sie nicht einfach abbestellen kann.

Euro-Schuldenkrise reloaded

Und dann ist da noch Frankreich. Die Eurokrise trägt wieder Lackschuhe und sitzt in Paris. Französische Staatsanleihen rentierten Anfang Oktober mit fast fünf Prozent – so hoch wie seit 2002 nicht mehr. Der Risikoaufschlag gegenüber Deutschland erinnerte zeitweise an die Eurokrise. Noch ist das keine neue Staatsschuldenkrise. Aber die Märkte stellen wieder eine alte Frage: Wem trauen sie ihr Geld an – einem Schuldner, der Zinsen verspricht, oder einem Sachwert, der seit Jahrtausenden ohne Versprechen auskommt?

Bundesbankpräsident Joachim Nagel verwies auf der Edelmetallkonferenz der LBMA in Sorrent auf geopolitische Spannungen, mögliche Lieferengpässe und höhere Energiepreise als Inflationsrisiken. Für Notenbanken hat Gold einen besonderen Vorteil: Es kennt kein Gegenparteirisiko und lässt sich nicht ohne Weiteres einfrieren. Ein Goldbarren braucht keinen Schuldner, der später zahlen soll. Leser dieser Kolumne kennen das Argument. Es ist alt, aber nicht überholt – anders als so manche Finanzmode, die nach drei Jahren schon wieder einen neuen Namen braucht.

Silber hat Nerven

Silber ist der nervöse Verwandte. Im Januar kostete die Unze zeitweise mehr als 115 Dollar, am 8. Oktober waren es rund 59 Dollar. Fast die Hälfte des Hochs ist wieder weg – obwohl der Markt das sechste Angebotsdefizitjahr in Folge erwartet. Ein Mangel garantiert eben keinen steigenden Preis. Silber ist auch Industriemetall: Es braucht Fabriken, Solaranlagen und eine Konjunktur, die nicht gerade den Rückwärtsgang einlegt.

Wenn die Stimmung kippt, fällt Silber gern schneller als Gold. Es ist Gold mit mehr Temperament – und weniger Nerven. Der Cousin, der auf jeder Familienfeier zuerst tanzt und am nächsten Morgen als Erster über Kopfschmerzen klagt.

Der Fund von Wesseling beantwortet die Anlagefrage nicht. Aber er setzt sie schön in Szene: Papier kann verrotten, Schulden können wachsen, und Gold wie Silber können kräftig im Preis schwanken. Als alleinige Anlage taugt keines von beiden. Doch wenn Frankreich Anlegern fast fünf Prozent zahlen muss, damit sie dem Staat ihr Geld leihen, wirkt ein Stück Metall in der Hand plötzlich weniger altmodisch. Geld ist immer auch Vertrauen. Und Vertrauen wird gelegentlich teuer.

Autor

Frank Meyer

Finanzjournalist

Alle Beiträge auf dieser Seite wurden von Frank Meyer verfasst. Er analysiert seit vielen Jahren Entwicklungen an Edelmetall- und Rohstoffmärkten.

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