Die Goldkehlen der Wändehälse
Frank Meyer
Finanzjournalist
Langsam tauchen sie wieder auf, die altbekannten Wendehälse, die plötzlich entdecken, dass Gold vielleicht doch nicht nur für verrückte Verschwörungstheoretiker und Zahnkronen taugt. Genau die Leute, die bei 1.000 Dollar pro Unze warnten, es sei „zu teuer“. Bei 2.000 Dollar wiederholten sie den Unsinn. Und bei 3.000 Dollar predigten sie, der Absturz stünde unmittelbar bevor. Und nun? Nun überlegen sie tatsächlich, sich ein paar Unzen ins Depot zu legen.
Wetten, dass Silber demnächst die gleiche Geschichte durchläuft? Sobald der Preis die alten nominalen Allzeithochs von 1980 (50 Dollar) und 2011 (ebenfalls knapp 50 Dollar) übertrifft, werden dieselben Experten plötzlich ihre Begeisterung für das „Gold des kleinen Mannes“ entdecken. Und ihre treue Leserschaft wird brav hinterherlaufen. Aber genau diese Schafe braucht der Markt: Wo ein Käufer ist, muss auch ein Verkäufer sein. Am Ende jeder Hausse gilt: Die schwachen Hände kaufen den starken die Bestände ab – zu Preisen, bei denen die ursprünglichen Käufer nur noch müde lächeln. Doch Moment! Beim Verkauf würden die starken Hände wieder in Papiergeld gehen. Wirklich?
Die starken Hände, das waren die, die schon kauften, als das Papiergeld anfing, streng nach Inflation zu riechen. Die, die früh begriffen haben, dass „Bares gegen Wahres“ mehr ist als ein flotter Spruch. Heute gibt’s für Bares deutlich weniger Wahres, weil die Kaufkraft seit Jahren systematisch erodiert. Beispiel gefällig? Um die Jahrtausendwende, zur Hochzeit der New-Economy-Euphorie, kostete ein Gramm Gold weniger als zehn Euro. Heute kratzen wir an der 100-Euro-Marke – eine Verzehnfachung in gut 25 Jahren. Ein Mathematiker nennt das eine beeindruckende Rendite, ein Politiker würde vermutlich von „sozialer Ungerechtigkeit“ sprechen und über eine Übergewinnsteuer nachdenken.
Und wo waren die Schlagzeilen? Richtig: nirgends. Kein Aufmacher in den Wirtschaftsteilen, als der Euro-Silberpreis jüngst ein neues Rekordhoch erreichte. Kein Aufschrei, als Gold in Euro die Marke von 3.067 pro Unze pulverisierte. Stattdessen berichtet der Mainstream lieber über die neusten Prognosen zum DAX und andere Aktienbarometer - oder über die unerschütterliche Stärke des Immobilienmarkts, der in Wahrheit längst schwächelt wie ein Hochhaus auf Moorboden.
Die Wahrheit ist: Edelmetalle fliegen immer noch weit unter dem Radar. Selbst viele Fondsmanager, die sich „professionell“ nennen, halten Gold für eine Anlage von Spinnern und Weltuntergangspropheten. Dabei zeigt die nüchterne Rechnung: Wer in den letzten 20 Jahren Gold hielt, stand deutlich besser da als mit deutschen Standardaktien. Und das bei geringerer Schwankung! Es ist die ultimative Ironie: Die angeblich „sicheren“ Aktienfonds schwankten stärker und brachten weniger Ertrag als das gelbe Metall, das mancher noch immer belächelt.
Und jetzt? Jetzt stehen wir an einem Punkt, an dem dieselben Experten plötzlich umschwenken. Sie hängen ihre Fähnchen in den Wind steigender Edelmetallpreise, und viele werden irgendwann in den Talkshows und Interviews behaupten, sie hätten „schon immer gewusst“, dass Papiergeld vergeht und Edelmetall besteht. Genau wie Politiker nach einer Wahl stets beteuern, sie hätten „von Anfang an“ alles richtig gemacht.
Aber schauen wir in die Geschichte: Jeder bedeutende Goldfund wurde zur Sensation. Ob Kalifornien, Australien oder Klondike – Goldgräberstimmung hat immer Schlagzeilen gemacht. Papiergeldfunde dagegen? Fehlanzeige. Niemand hat je jubelnd berichtet: „Sensation! Schatzsucher entdecken 200 Jahre alte Banknoten!“ Wahrscheinlich, weil das Zeug längst verrottet war – oder weil es im besten Fall noch als Anzündhilfe für den Kamin getaugt hätte.
Die Moral? Gold ist keine Raketenwissenschaft. Es ist schlicht und ergreifend das älteste und bewährteste Geldsystem der Welt. Wer das zu spät kapiert, darf den Preisaufschlag zahlen – und den Wendehälsen beim Fähnchendrehen zuschauen.