Börse crasht, Gold grinst
Frank Meyer
Finanzjournalist
Es ist ein seltsames Schauspiel, das sich derzeit auf der Weltbühne abspielt. Der Welthandel stolpert, die Märkte hyperventilieren, und irgendwo dazwischen sitzt ein Mann mit schlecht gebundener Krawatte und sehr lauter Meinung – und drückt am roten Knopf der Börse wie ein gelangweiltes Kind an der Türklingel.
Zölle hier, Gegenzölle dort – das Ganze garniert mit der rhetorischen Subtilität eines Presslufthammers. Wer da noch versucht, den Überblick zu behalten, braucht entweder ein Wirtschaftsstudium, eine Glaskugel – oder viel Schnaps. Lieferketten könnten mal wieder reißen wie schlecht genähte Billigjeans, und plötzlich erinnert man sich: Ach ja, Corona – das war doch die Zeit, in der alle Klopapier sammelten, während die Industrie auf Chips wartete. Jetzt droht eine Neuauflage, nur mit mehr Drama und weniger Netflix.
Die USA, einst Schutzmacht der Vernunft, haben sich entschlossen, das Experiment „Regierung ohne Bedienungsanleitung“ durchzuziehen. Der Präsident regiert per Bauchgefühl – ein Bauch, wohlgemerkt, in dem sich anscheinend auch außenpolitische Entscheidungen mit Fast Food vermischen. Und so taumeln die Märkte, als hätten sie zu viel alten Fusel getrunken. Die Kurse springen von der heißen Bratpfanne in die Fritteuse – und zurück. Was ist der nächste Tweet?
Der Dollar schwächelt, die Zinsen tänzeln nervös nach oben, und die Börse fällt mal um ein paar Tausend Punkte, um dann ein paar Tausend Punkte zu steigen – je nach Laune und Aussagen des US-Präsidenten. Die große Party ist erst einmal vorbei, die Musik wird leiser. Manch Trauergesang ist herauszuhören – auf die schöne alte Welt der ewig steigenden Börsen. Inzwischen wird über eine am Horizont aufziehende Stagflation diskutiert: steigende Inflation, sinkende Wirtschaftsleistung. Zoll sei Dank! Wer jetzt noch auf ein Happy End hofft, ist entweder sehr gläubig – oder hat seinen Depotstand noch nicht aktualisiert.
Wenn Panik regiert, wird aus jeder Börse ein Basar. Alles muss raus! Aktien, Anleihen, Träume. Der große Ausverkauf beginnt. Besonders betroffen: die Hobbyinvestoren mit Kredithebel – und noch größere Investoren mit noch größeren Hebeln. In den USA summieren sich diese waghalsigen Wetten auf fast eine Billion Dollar – eine Summe, bei der einem schwindlig wird, selbst ohne Zins. Kommt dann der Margin Call, wird verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Und wenn niemand mehr kaufen will – dann eben zum Schleuderpreis. So entsteht ein Crash: ganz klassisch, ganz hässlich, ganz schnell.
Inmitten all des Trubels bleibt einer cool: das Gold. Es blinzelt nur kurz, poliert sich die Krone – und bleibt relativ unbeeindruckt. Ein wenig hat es Federn gelassen, aber im Vergleich zum Rest sieht es aus wie der elegante Herr auf der Titanic, der sich noch einen Cognac einschenkt, während das Orchester bereits zu „Näher, mein Gott, zu dir“ ansetzt. Silber hingegen, das industriell genutzte Stiefgeschwisterchen, hatte sich schon mal auf den Weg Richtung Keller gemacht – gemeinsam mit Öl, Kupfer und Stahl. Die Rezession winkt freundlich und verteilt Flugblätter. Fundamental hat sich beim Silber nichts verändert, es ist nur billiger geworden. Eine Unze Gold kauft im Moment 102 Unzen Silber – historisch passiert das sehr selten.
Und dann ist da noch der Euro – plötzlich stark wie ein Espresso in Neapel, aber auch nur, weil der US-Dollar fällt. In Europa ist die Unze zwischenzeitlich für wenige Tage um 200 Euro günstiger geworden, hat dann etwas aufgeholt, während sie in US-Dollar neue Rekorde erklommen hat. Und doch: Gold liegt in Euro gerechnet noch immer zehn Prozent im Plus, in US-Dollar sogar 20 Prozent. Vielleicht spielt es ja gerade jetzt seine Paraderolle: die Diva der Krisen, die Grand Dame der Sicherheit, die letzte echte Währung im globalen Kasino.
Vertrauen? Ein rares Gut. Aktien crashen, Anleihen kränkeln, der Dollar hustet, der Franken zittert – ja, selbst die Schweizer Währung, einst Fels in der Brandung, hat gegenüber Gold zehn Prozent eingebüßt. Vielleicht, weil man irgendwann merkt: Auch eidgenössisches Papier brennt – wenn man es nur lange genug ignoriert. Papier hat es schwer gegen Gold – und wird den Kampf nicht gewinnen können.
Was also tun? Auf dem Konto warten? Da nagt die Inflation – mit dem Appetit eines hungrigen Marders. Staatsanleihen kaufen? Schön und gut, bis man merkt, dass der Staat selbst nicht mehr weiß, wie viele Nullen hinter seinen Schulden stehen. Bleibt Gold. Schwer, glänzend, stoisch. Eine Unze ist eine Unze – unabhängig davon, wer gerade twittern darf. Oder wie der bayerische Seneca Markus Söder auf der Pressekonferenz der künftig kleinen Koalition sagte: „Liebe vergeht. Hektar besteht.“ Man möchte ergänzen: Und Gold glänzt auch noch dabei.